Interview mit Werner Gessner

Interview mit Werner  Gessner, Internationale Bowlingakademie in Regensburg, am  05.03.2006 in Regensburg

Werner Gessner gründete 1999 die Internationale Bowlingakademie in Regensburg und leitet diese bis heute. Nach amerikanischem Vorbild führt er Bronze-, Silber- und Gold-Level Seminare und Individualtrainings durch.

Jens: Wie bist Du zum Bowling gekommen?

wernergessner

Werner: Ich spielte von meiner Jugend an – ich glaube so ab 12 Jahren – Eishockey. Dies begann in Nürnberg und endete nach einer schweren Verletzung mit 22 Jahren in der Schweiz.1965 hatte ich dann erste Kontakte als Gastspieler bei den Amerikanern in einer Kaserne.

Jens: Bitte gib uns einen kurzen Überblick über die Stationen Deiner Bowlingkarriere.

Jens Ulmann, Werner Gessner

Werner: Wie gesagt, die ersten Ballgefühle lernte ich von einem Amerikaner in der Kaserne. Mit anderen deutschen Gastspielern, die ich auf der US Bahn kennen lernte, gründeten wir dann den 1.BV 1968 Regensburg. Dieser Verein hat zwar heute auch nicht mehr als ca.140 Mitglieder, doch seit Jahren ein Damen- und Herrenteam in der 1.Bundesliga mit mehreren deutschen Meistertiteln.
1973 organisierte ich den Bau einer Bowlinghalle in Regensburg. 1977 eröffnete ich selbst eine 14 Bahnenanlage in Ingolstadt welche ich nach sehr erfolgreichen Jahren 1986 verkaufte. 1988 machte ich in Frankfurt meine Übungsleiterausbildung, 1990 folgte in München die B-Trainerausbildung und ich stellte für Bayern erstmals ein Lehrwesen auf die Beine. 1996 legte ich unter Jürgen Kohlberg meine A-Trainerprüfung ab. 1998 anlässlich der Bowling WM machte ich eine Bowlingausbildung in Reno/Nevada unter dem allseits bekannten Spitzentrainer „Ron Hoppe“ der 2004 ein absolut gutes Buch namens „Top Ten Tips for Coaching the Advanced Bowler“ herausbrachte. 1999 ging es wieder in die USA um mit Fred Borden Kontakt aufzunehmen. Hier lernte und beobachtete ich die Unterschiede von „aktiven und passiven Coachen“. Das Jahr 2001 brachte mir Kontakt und Ausbildung bei der Int. Bowling Akademie/ Las Vegas unter Bob Sommerville (Leider verstorben) und dem international erfahrenen Coach Bill Hall (er trainierte auch schon das Team von Malaysia). BTM „Bowling this Month“ ist die heute anerkannteste Fachzeitschrift für Bowling, sie entstammt der Int. Bowling Akademie/Las Vegas deren Lehrinhalte wir heute zum großen Teil duplizieren.

Jens: Mit welchen Zielen hast Du die Bowlingakademie gegründet?

Werner: Nachdem ich erkannte, dass viele interessierte Bowler jeglicher Leistungsstärke nach fundierter und aktueller Fortbildung strebten, wollte ich diese Lücke schließen. Der laufende Erfolg mit Teilnehmern aus dem In- und Ausland gab mir recht.

Jens: Wie wird man ein guter Bowler?

Werner: Für jede mehr als durchschnittliche Tätigkeit im Leben wie im Sport braucht es zwei Dinge: „Talent und Willen“. Das eine kann ohne das andere nicht zum erwünschten Ziel führen. Über die Inhalte könnte man natürlich viele Seiten füllen, eine diesbezügliche Aussage kann man aber von Sportfachleuten jeder Disziplin immer wieder hören: Ohne Trainerbegleitung sind Spitzenleistungen nicht möglich, egal in welcher Sportart. Versteht mich aber bitte nicht falsch, der Besuch eines Kurses bei uns ist kein Garant für den Erfolg, ein Trainerschein ist keine Garantie für gute Ausbildung. Ein Trainer muss mit seinem Wissen dem zu Betreuenden immer einen Schritt voraus sein, er braucht Einfühlungsvermögen und Kompetenz.
Bei dem Wort Training unterscheidet man in: Übung von Teilbereichen, Übung in Gesamtbereichen, prozessorientiertes Training und ergebnisorientiertes Training. Ein Trainingsabend in der Klubgemeinschaft kann oftmals nicht als Training, sondern muss als ergebnisorientierter Abend bezeichnet werden, der meist mit dem Begriff „Training“ nichts zu tun hat.
Grundsätzlich sollte ein Bowler für seine körperliche Fitness jeden 2.Tag zumindest 1 Stunde z.B. Powerwalking (Winter) oder Fahrradfahren (Be-und Entlastungsbereiche (Sommer)) absolvieren. Zusätzlich sind Kraftübungen für Fingerzug und stabiles Handgelenk erforderlich. Eine etwas kräftige Rückenmuskulatur ist dem Bowlingsport ebenfalls zuträglich.
Als Training auf der Bahn empfehle ich 1 x wöchentlich ein Teilbereichstraining (nicht länger als 1 Stunde) und bei entsprechender Entwicklung zusätzlich 1 x wöchentlich ein wettkampforientiertes Training, d.h. absolute Prozessorientierung auf jeden Wurf ohne Ergebnisverfolgung mit Druckaufbau. Dies kann eine 6 er Serie, möglichst zu zweit auf der Bahn sein. Viele Spiele ohne Konzept und Inhalte bringen keinen vorwärts.

Jens: Welchen Stellenwert nimmt das Material ein?

Werner: Das Material nimmt natürlich einen entsprechend großen Stellenwert ein, aber erst dann, wenn die Grundvoraussetzungen dafür geschaffen sind. Ich meine damit, wenn ein Sportler seine Disziplin mit den erforderlichen Grundlagen nicht hochprozentig beherrscht, so bringt ihm das beste Material nicht ans Endziel. Um ein vernünftiges Sortiment von Bowlingbällen zu haben, muss man zuerst die Technologie eines Balles verstehen. Man kann dies aber auch dem Pro Shop überlassen. Was aber wenn etwas nicht zum Erfolg führt? Dann kommt die große Unsicherheit: ist der Ballbohrer schuld, oder sind die Ölungen der Bahn schuld, welchen Ball sollte ich denn eigentlich jetzt einsetzen, den blauen oder vielleicht doch besser den roten? Wir legen eben in unseren Seminaren Wert darauf, dass jeder Teilnehmer zum Abschluss in einen Pro Shop gehen kann und zumindest weiß was er will. Wenn dann eine fachliche Kommunikation mit dem Ballbohrer entstehen kann, wird es zu einem meist guten Ergebnis kommen.

Jens: Wie schätzt Du die Entwicklung im Bowlingsport ein?

Werner: Wenn wir von Bowlingsport sprechen, lassen wir mal die Entwicklung des Openbowlergeschäfts raus. Für den Bereich Sportbowling sehe ich das Problem des immer größer werdenden finanziellen Aufwands. Damit meine ich in erster Linie nicht die Ausrüstung alleine. Ich denke, dass der finanzielle Aufwand für notwendigen Trainingsumfang, Fahrt- und Verpflegungskosten und Spielgelder, für einen Normalverdiener bald nicht mehr zu realisieren ist. Ein zusätzliches Problem für den Spitzensport ist, dass es in Deutschland zuwenig kompetente Trainer gibt. Die Verbände verwalten den Sport nur statt ihn zu gestalten. Ein vernünftiges Lehrwesen für eine Trainerausbildung nach aktuellen Erfordernissen ist nirgends vorhanden. Wenn überhaupt, so arbeiten einige Pseudotrainer mit Halbwissen. Manchmal wissen Spieler teilweise mehr als sogenannte Trainer, die dann zum Betreuer und Taschenträger degradiert werden.
Ich wurde vor ca.2 Jahren gebeten, ein Lehrwesen für die DBU mit aufzubauen. Da drückte man mir einen Keglerlehrwart der 70 er Jahre mit ins Team usw. Außer unserem Nationaltrainer Peter Lorenz war da kaum einer zu gebrauchen – das reichte um sofort den Rückzug anzutreten. Ich sehe da in kürzerer Zeit wenig helles am Horizont.

Jens: Bitte nimm zu folgenden Aussagen einiger Hallenbetreiber Stellung: Sportbowler verzehren nichts und meckern über die Bahnenverhältnisse, Openbowler sind Anspruchslos und konsumieren.

Werner: Dazu kann ich mit Kompetenz wie folgt Stellung nehmen: Dass Deutschland als Servicewüste bezeichnet wird, ist uns ja – auch in Bowlinghallen – bekannt. Dass Leute Bowlinghallen betreiben in der Hoffnung: Sperren wir mal die Türen auf, dann kommen sicher genügend Blöde die uns das Geld vor die Füße schmeißen.
Als jahrelanger und sehr erfolgreicher Hallenbetreiber damals in Ingolstadt hatten wir sehr großen Erfolg mit Essensqualtität und freundlichem Service zu vernünftigen Preisen. Meine Frau Gaby und ich waren täglich von 10.00 Uhr Vormittag bis 1.00 Uhr Morgens mit Ausnahme von einem freien Tag (Donnerstag)für unsere Kunden – und zwar für alle – da. Es gab außer einer reichhaltigen Speisekarte, ein täglich wechselndes Mittagsmenü. Es gab eine tägliche Bahnenpflege und kaum Bahnenstops. Wir waren um unsere Sportbowler bemüht, hatten viele Spieltage, Turniere und Faschingsveranstaltungen mit bis zu 800 Personen. Die Vereinsbowler halfen beim Umbau, betreuten die Jugendlichen beim Training, deren Eltern kamen zusätzlich ins Haus, Bowlingausrüstungen wurden gekauft. Die Eltern wurden für die Hausligen interessiert und kamen mit anderen Gruppen. Hier wurde 80-100 Stunden in der Woche gearbeitet.
Warum verzehren die Sportbowler nichts? Weil es oft zu teuer oder zu schlecht, oder beides ist. Da verzehren die Openbowler nämlich auch nur Getränke. Kaum ein Sportbowler beschwerte sich über Bahnverhältnisse und wir mussten das Öl noch mit der Handspritze zu einer Krone auftragen. Heute gibt es die Erleichterung durch modernste Ölmaschinen, da ist es doch kein Problem für reservierte Bahnen eines Klubs mal ein entsprechendes Ölmuster aufzutragen, aber dazu ist man ja nicht bereit. Da müsste ja einer was davon verstehen und zusätzliche Arbeit ist es auch.
Genau deshalb werden die Kindergeburtstags-Ölungen auch an Spieltagen aufgetragen, weil es ja Arbeit macht etwas anderes einzustellen.
Zur Frage Amateure spielen nur in Hallen mit leichten Mustern! Norm Duke und Mike Aulby – beides Bowlinglegenden aus dem Profigeschäft sagten einmal: „Kommst Du in eine Halle zum Training und die Bahn kommt Dir total auf einer Hauslinie entgegen, so packe Deine Bälle ein und gehe woanders hin, denn hier kannst Du nichts lernen. Wenn jemand Trainingsweltmeister auf seiner leichten Anlage sein will, soll er dort bleiben. Auf anderen Anlagen wird er sicher untergehen – oder es war natürlich eine scheiß Bahn.

Jens: Wie sieht Deine Planung für die Zukunft aus?

Werner: Na ja, wenn ich ehrlich bin – weniger Seminare. Das biologische Alter macht mir zwar „noch“ keine Probleme, aber ich möchte mehr Freizeit mit meiner Frau Gaby verbringen, da blieb mit dem Bowling doch in der Vergangenheit zuwenig übrig. Mit meinem Freund und Ballbohrspezialist Michael Grabovac (hier klicken für seinen Webauftritt) möchte ich mich wieder mehr beschäftigen, sowie dem Balldesigner Mo Pinel (MoRich)in den USA einen Besuch abstatten.

Jens: Vielen Dank, dass Du Dir nach unserem Training noch die Zeit für dieses Interview genommen hast.